Loslassen endlich loslassen…


Loslassen, das ganze Elend hinter sich lassen – wer würde das nicht gerne? Doch wer kann das schon? Meist hilft das Leben einfach nach und dirigiert uns an unseren inneren Abgrund, wo nichts mehr geht als sich dem Fallen einfach hinzugeben.

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LOSLASSEN… woran denken wir dabei? … was wollen wir alles loslassen auf dem Weg in die Freiheit – in das Leben? Verletzungen aus der Kindheit und aus Liebesbeziehungen, die Wut auf Menschen, die uns nahe waren oder sind, die Empörung über das Verhalten einiger Menschen in sogenannten Machtpositionen, die Sorge um die Gesundheit und die Angst vor finanziellen Nöten… Angst, Kummer und Hass… Liebesleid…
Aber darum geht es nicht wirklich beim Loslassen, denn Loslassen hat nach meiner Erfahrung nichts mit „persönlichen Themen“ zu tun. „Persönliche Themen“ weisen uns vielleicht einen Weg in die Lösung, beim Loslassen geht es jedoch um das Leben selbst – und den Tod. Es geht darum, alles geschehen zu lassen, was geschieht, ohne etwas auszuklammern.
Manchmal geht es einem so schlecht, dass ein hektischer Drang entsteht, sich unbedingt von jemandem helfen zu lassen. Wir denken, dass wir es alleine nicht mehr schaffen. Wir wollen aus diesem Schmerz herausgeholt werden, ihn nicht mehr spüren müssen. Aber was geschieht, wenn wir diesen Schmerz einfach mal aushalten? Wenn wir uns in diesen Schmerz hineinfallen lassen und dort innehalten – ohne im „Außen“ nach einer Antwort zu suchen?

Das Tor: Sinnlosigkeit, Angst

In den tiefen Schmerz hineinfallen… ich durfte das erfahren und begegnete dabei meinen ganz persönlichen Themen. Extreme Verlustangst und diffuse innere Überzeugungen, „schuldig!“ und „nicht liebenswert“ zu sein wiesen mir mit vereinten Kräften den Weg dorthin.
Dabei fühlte sich doch gerade noch alles so perfekt an. Ich fühlte mich plötzlich „richtig“ hier auf dieser Welt – endlich angekommen im Leben und in der wahren Liebe, nachdem ich mich lange Zeit (aufgrund von Verletzungen, die nicht restlos ins Bewusstsein dringen konnten) vom Leben abgewandt hatte.
Und dann geschah es – von einem auf den anderen Moment: Ohne wirklich zu wissen, was passiert, war plötzlich alles „falsch“. Vom „Himmel“ fiel ich direkt in die „Hölle“, in einen Schmerz, in eine Sinnlosigkeit des Seins, in der es keine Verzweiflung oder Wut mehr gab, sondern nur noch Dunkelheit. Und ich war vollkommen einverstanden damit, auf der Stelle zu sterben.
Es geht hier nicht um Gefühle wie „Ich will sterben, weil alles so schrecklich ist!“ oder „Ich will eben nicht sterben, weil alles so wundervoll ist!“. Es gibt auch keine Frage mehr nach dem „Warum gerade jetzt?“ oder „Warum passiert das ausgerechnet mir?“ Es gibt gar keine Fragen mehr, nur eine themenlose Dunkelheit. Etwas ist geschehen, was mich in meiner Ursubstanz erschüttert hat, und das Urvertrauen ist (scheinbar) verloren. Nichts ist mehr da, woran ich mich festhalten könnte… es geschieht wie von selbst, als würde das Herz von sich aus beschließen, nicht mehr zu schlagen, und das Atmen einfach aufhören. Ich kann mich nicht mehr retten. Ich will mich nicht mehr retten und ergebe mich – lasse mich fallen in diesen Schmerz… direkt hinein in mein eigenes „Schwarzes Loch“.

Die innere Rettungsstelle

Und plötzlich gibt es keine Angst mehr… nichts, wovor ich mich fürchten müsste, denn nichts zählt im Vergleich zur inneren Erlaubnis, das eigene Leben zu verlieren – JETZT – in diesem Augenblick… und somit das zu bejahen, was für die meisten das Unvorstellbarste ist: den Verlust der eigenen Identität.
Was geschieht in diesem Moment – in diesem „Schwarzen Loch“? Etwas unerwartet Wunder-Volles. Ich werde aufgefangen – von mir selbst, durch etwas wie eine eigene „innere Rettungsstelle“. Sowie ich damit einverstanden bin, alles, was ich „habe“, auch wieder „zu verlieren“, sowie ich mich tatsächlich gegen nichts mehr wehre und alle Konzepte loslasse (wie es denn sein sollte, damit es „richtig“ ist), kann das Leben/die Liebe tatsächlich stattfinden. In meiner dunkelsten Kammer hat er auf mich gewartet, mein Tod, und dort ist er, seitdem ich geboren bin. Es ist die Begegnung mit dem eigenen Tod, die mich letztendlich ins Leben rettet, und indem ich ihn nun endlich in die Arme nehme, kann das Leben beginnen. Das Herz weitet sich noch einmal – vollkommene Offenheit für alles. Liebe und Leben im Todesbewusstsein. Demut hält Einzug. Eine neue Dimension beginnt.
An diesem „Ort“ sah ich auch „meinem ganz persönlichen Teufel“ in die Augen. Vor dieser Begegnung war mir noch nicht einmal bewusst, dass es ihn überhaupt in dieser Form gibt. Er lacht mir in Gesicht – mit glühenden Augen, doch da gibt es bereits keine Angst mehr in mir. Er soll mich einfach in Ruhe in lassen… mir den Buckel runter rutschen. Ich schaue ihm in die Augen und plötzlich wird sein Blick sanft und er gibt mir meinen „Schuldschein“ zurück (Dieser Schuldschein ist das elementare Missverständnis, dass wir getrennt sind – vom Leben, von der Liebe und vor allen Dingen von uns selbst.). Ich bin sprachlos, regelrecht baff, denn mir war bis zu diesem Zeitpunkt nicht klar, dass ich ihm tatsächlich einen solchen übergeben hatte… In diesem Moment begreife ich, dass ich FREI von Schuld bin und liebenswert – der Liebe wert.

Aufgefangen sein

Manchmal verirren wir uns jedoch und kämpfen mit unseren Schattenbildern („persönlichen Themen“). Wir basteln an ihnen herum und wundern uns, dass es nichts bringt, keine Heilung bringt. Weil es nur die Schatten sind, die wir betrachten, die Schatten, die das Licht an die Wand malt. Wir selbst sind es, die vom Licht der Erkenntnis angeleuchtet werden… auf uns selbst gilt es den Blick zu richten, bis in die dunkelste Kammer hinein. Dort werden wir es finden, das erlösende Grauen, wenn wir es endlich aushalten, stehen zu bleiben und ihm ins Angesicht zu blicken… Loslassen! Die Bezeichnungen „dunkelste Kammer“, „Schwarzes Loch“, „Teufel“, „Tod“ und „Liebe“ – das sind alles wir selbst – wir haben uns nur für unsere selbst installierten abgetrennten Bereiche Namen ausgedacht. Das Selbst ist nicht zu definieren und das ist auch die Schwierigkeit, wenn wir es finden bzw. aufsuchen wollen… Solange wir in einer Trennung leben, wissen wir nicht, was das Selbst tatsächlich ist. Wenn wir loslassen, landen wir automatisch dort… und die Trennung ist vorbei. Wenn wir loslassen, erfahren wir diese „Instanz“ in uns, die größer ist, als wir uns vorstellen können. Jene Kraft, die auch als „außerhalb“ von uns liegende „universelle Macht“ bezeichnet wird. Sie fängt uns auf, wenn wir uns wirklich fallen lassen… tiefer und immer tiefer hinein, bis es nicht mehr weiter geht – ohne zu stoppen und uns doch wieder retten zu wollen. Springen… und nicht daran denken, wie es ausgehen wird. Einfach springen und der aufkommenden Panik standhalten… sich ergeben in die Situation, die wie ein Tod sein kann… loslassen und somit im wahren Leben ankommen. Vielleicht gibt es noch Sturzbäche von Tränen, unterbrochen von kleinen Inseln zum Ausruhen, doch mehr und mehr realisieren wir dann, wie unvorstellbar weit das Leben ist und dass es nicht getrennt vom Tod existiert, sondern nur mit ihm zusammen… Hand in Hand, Leben und Tod, wie Mann und Frau in einer innigen Umarmung… grenzenlos.
Ich befinde mich auf diesem Weg, auf dem alles gleichzeitig existiert… Trauer, Liebe und Unfassbarkeit… auch das „Schwarze Loch“ ist noch da, doch gehört nun all das zum Leben dazu und ich will nichts mehr ausklammern.

Conny Wenzel

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